Fernsehsendung BR - Der Muschelzüchter vom Limski-Kanal
Sonntag 28 Oktober 2007 17:53:42
Bayerisches Fernsehen - sonntags, 17.30-18.00 Uhr
http://www.br-online.de/politik/ausland/themen/2007/01023/
Der Muschelzüchter vom Limski-Kanal
Schwere, aber schöne Arbeit (28.10.2007)
http://www.br-online.de/politik/ausland/themen/euroblick.html
Wir lassen die Urlauberherzen höher schlagen. Geht es doch um die Halbinsel Istrien, genauer gesagt um deren größeren kroatischen Teil. Vor allem die malerische Westküste ist seit jeher ein beliebtes Ferienziel. Es locken mittelalterliche Städtchen ebenso wie schöne Adria-Strände. Doch auch Feinschmecker kommen dort mittlerweile voll auf ihre Kosten - selbst wenn sie Muscheln und Austern bevorzugen. Letztere stammen vor allem aus dem sogenannten Limski-Kanal bei Rovinj, einer geologischen Besonderheit: als Meeresarm schlängelt er sich über zehn Kilometer durch die grünen Hügel Istriens und führt dabei Meer- und Flusswasser zusammen. Und weil diese Verbindung wenig Salz und viel Sauerstoff enthält, herrschen dort geradezu ideale Bedingungen für die Muschel- und Austernzucht.
Der Muschelzüchter vom Limski-Kanal
Schwere, aber schöne Arbeit
Wir lassen die Urlauberherzen höher schlagen. Geht es doch um die Halbinsel Istrien, genauer gesagt um deren größeren kroatischen Teil. Vor allem die malerische Westküste ist seit jeher ein beliebtes Ferienziel. Es locken mittelalterliche Städtchen ebenso wie schöne Adria-Strände. Doch auch Feinschmecker kommen dort mittlerweile voll auf ihre Kosten - selbst wenn sie Muscheln und Austern bevorzugen. Letztere stammen vor allem aus dem sogenannten Limski-Kanal bei Rovinj, einer geologischen Besonderheit: als Meeresarm schlängelt er sich über zehn Kilometer durch die grünen Hügel Istriens und führt dabei Meer- und Flusswasser zusammen. Und weil diese Verbindung wenig Salz und viel Sauerstoff enthält, herrschen dort geradezu ideale Bedingungen für die Muschel- und Austernzucht.


Der Limski-Kanal in Kroatien
Der Muschelzüchter Emil Sosic
Fünf Uhr morgens. Dämmerlicht und Ruhe liegen noch über dem Wasser. Nur zwei Männer stören die Stille - Muschelzüchter vom Limski-Kanal. Ein neuer Arbeitstag für Emil Sosic und seinen Helfer Oriano. Sie machen das Motorboot fertig und brechen zu ihren Muschelkulturen auf. Seit der Römerzeit werden hier Muscheln gezüchtet und bis heute hat sich an der Arbeitsweise nicht sehr viel geändert - sieht man einmal vom knatternden Außenbord-Motor des Bootes ab. Emil züchtet hauptsächlich Miesmuscheln. Dabei betreibt er die so genannte Leinenkultivierung, eine Zuchtart, die in Japan entwickelt wurde. An einer Holzplattform hängen zahlreiche Leinen, an denen die Miesmuscheln unter Wasser heranwachsen. Emil Sosic, Muschel- und Austernzüchter: "So - die Muscheln sind zwei, manche drei Jahre alt. Die Muscheln nehmen wir raus vom Wasser jeden Tag, jeden Morgen, putzen wir die mit Maschinen, bis sie schwarz sind, und dann gehen sie ins Netz, Packung und liefern wir bis zum Restaurant und Hotel." Auf der Plattform vor Emils Fischerhütte werden die Miesmuscheln verarbeitet - bis zu 200 Tonnen jährlich. Große Waschtrommeln lösen den gröbsten Schmutz von den Schalen. Seit 2002 ist Emil Muschelzüchter. Die Deutschkenntnisse hat er noch von seinem abgebrochenen Touristikstudium. Nach einem kurzen Intermezzo als Nachtportier widmete er sich schließlich der Muschelzucht - eine Knochenarbeit, aber er ist selbständig und unabhängig. Maschinen sind ihm bei der Arbeit nur eine geringe Hilfe, das meiste wird per Hand getan. Und schnell muss es gehen, warten doch die Köche der umliegenden Restaurants schon ungeduldig auf die frischen Miesmuscheln. Die Meersfrüchte werden am liebsten mit reichlich Olivenöl, Kräutern sowie mit Parmesan- Käse serviert. Die Restaurants am Limski können Muschelgerichte das ganze Jahr anbieten. Das wissen auch die Touristen, die vor allem an den Wochenenden den Limski-Kanal besuchen - das zwölf Kilometer lange Flusstal ist Naturschutzgebiet und ein beliebtes Ausflugsziel an der Westküste Istriens.
Der Name Limski kommt vom römischen Limes: Grenze. Denn hier war bereits in der Antike die Grenze der heutigen Verwaltungsdistrikte Porec und Pula. Gebildet hat sich der Limski-Kanal in der Eiszeit vor rund 20.000 Jahren. Durch die Hebung des Meeresspiegels wurde das Karsttal von Meerwasser überflutet. Das Wasser des Limski ist ideal für die Zucht von Miesmuscheln, Austern und Fischen. Aus dem Landesinneren und aus unterirdischen Quellen kommt Süßwasser, daß sich mit dem Meerwasser vermischt. Dadurch hat das Wasser einen geringen Salzgehalt und ist sehr sauerstoffreich. In großen Becken und Netz-Käfigen werden Fische herangezüchtet - meist Goldbrassen und Barsche. Alles hängt vom Wasser des Limski-Kanals ab, von seiner Reinheit und biochemischen Zusammensetzung. Darum kümmert sich das Institut für Meeresforschung in Rovinj. Dreimal in der Woche werden Wasserproben entnommen und ausgewertet. Für Direktor Smodlaka ist der Limski-Kanal eines seiner wichtigsten Forschungsgebiete. Das empfindliche Ökosystem des Kanals muss vor Umweltverschmutzung und zu intensiver Zucht geschützt werden. Nenad Smodlaka, Direktor Meeresbiologisches Institut Rovinj: "Das einzige größere Problem ist derzeit der Meeresboden unter den Käfigen. Aus den Zuchtkäfigen fällt immer wieder abgestorbenes organisches Material herunter. Das verändert das Ökosystem des Meeresbodens. Der Grund ist einleuchtend: das organische Material beginnt zu faulen und entwickelt Gase. Dadurch kommt es direkt unter den Käfigen zu einer Störung des ökologischen Gleichgewichts. Indem man von Zeit zu Zeit die Käfige bewegt, können sich diese Stellen wieder erholen und das Gleichgewicht kann wieder hergestellt werden."
Immer wieder lockt das international renommierte Forschungsinstitut Biologen, Chemiker und Umweltschützer aus aller Welt an. Das Institut ist ein idealer Stützpunkt für Exkursionen in den nahe gelegenen Limski-Kanal. Professor Franz Brümmer von der Universität Stuttgart ist mit seinen Studenten hier, um charakteristische Organismen zu erforschen, die nur in diesem Lebensraum vorkommen. Ein Lebensraum, den Emil wie seine Westentasche kennt. Er betreibt im Limski-Kanal nicht nur eine Muschelzucht, sondern züchtet hier auch Austern. Die Austern hängen unter Wasser an Kunststoff-Leinen oder wachsen in Plastikkörben heran. Austern werden nur selten im Mittelmeerraum gezüchtet. Emil erntet immerhin 30-40.000 im Jahr. Der Ausschuß ist dabei minimal. Emil Sosic, Muschel- und Austernzüchter: "Diese ist tot - schauen Sie. Ist nicht jede im Leben. Jetzt probieren wir noch eine andere. So - schauen Sie. Diese ist perfekte Auster." Die kostbare, meist roh verzehrte Delikatesse Auster ist in Istrien noch erschwinglich, pro Stück zahlt man im Restaurant etwa 12 Kunar, umgerechnet 1,70 Euro. An der Westküste der kroatischen Halbinsel Istrien finden sich das ganze Jahr über Urlauber. Bis Ende Oktober kann man in den warmen Gewässern noch baden. Als Perle der Adria wird die mittelalterliche Küstenstadt Rovinj bezeichnet. Auf einem Kalksteinfelsen schmiegen sich bunte Häuser dicht aneinander. Der Schiffsbau und der Fischfang, der Handel mit Wein und Oliven sorgten im Mittelalter für den wirtschaftlichen Aufschwung. Vom 13. bis zum 18. Jahrhundert bestimmten die Venezianer das Stadtgeschehen. Heute ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle der 12.000 Einwohner. Blickfang von Rovinj ist die Altstadt, die seit dem Mittelalter nahezu unverändert geblieben ist. Für die Muschelzüchter herrscht in den Sommermonaten Hochbetrieb. Die Miesmuscheln und Austern sind herangereift und bereit für die Ernte. Auch Emil muss jetzt seine Ernte einfahren, Tag für Tag und unter großem Zeitdruck. Die Hitze kann seine Miesmuscheln und Austern schnell verderben. Emil Sosic, Muschel- und Austernzüchter: "Das ist schon eine schwere Arbeit, weil wir haben nicht genug Technik, Maschinen. Wenn das alles mechanisiert ist - gute Boot, gute Maschinen für Putzen, gute Kredit von Staat - dann ist eine schöne Arbeit. Ist noch mehr schön, weil kann man in sechs Monaten in Saison - ist schon ganze Tag Arbeit - aber können wir ganzen Winter leben." Den möglichen EU-Beitritt Kroatiens sieht er eher als Gefahr für seine Arbeit. Auch wenn seine Miesmuscheln und Austern von hoher Qualität sind, kann er mengenmäßig nicht mit Produzenten aus Italien oder Spanien konkurrieren. Die Zukunft ist für Muschelzüchter Emil Sosic eine Fahrt ins Ungewisse.
Filmautoren: Wolfgang Pütz/Reinhard Keller, BR-München
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