Die Regiearbeit von Bobo Jeli und Nataa Rajkovi am Theater am Neumarkt
Dienstag 11 Dezember 2007 23:39:20
«Alles ist ein Prozess»
Die Regiearbeit von Bobo Jeli und Nataa Rajkovi am Theater am Neumarkt
Das neue Stück «Fast sicher», das morgen im Theater am Neumarkt seine Premiere hat, ist das Resultat eines langen und intensiven Arbeitsprozesses: Das Regieduo Nataa Rajkovi und Bobo Jeli inszeniert keine fertigen Texte, sondern reagiert auf Befindlichkeiten vor Ort und entwickelt in Gesprächen und Proben seinen «performing text».
Bettina Spoerri
Seit Ende September ist das Regieduo Nataa Rajkovi und Bobo Jeli in Zürich an der Arbeit. Als die beiden hier ankamen, wussten sie nur die ungefähre Richtung ihres Projekts. Ein erster solcher Ansatz war das Themenfeld Migration und Heimat, doch nach ersten Gesprächen mit den Schauspielern kristallisierten sich andere inhaltliche Fokussierungen heraus. Diese Offenheit ist ein wesentlicher Teil des Konzepts von Nataa Rajkovi und Bobo Jeli: Den Stoff ihrer Inszenierungen erarbeiten sie von Anfang an gemeinsam mit den Darstellerinnen und Darstellern. Themen und Text werden den Schauspielern nicht einfach übergestülpt, bis diese sich in Figuren verwandeln, sondern das Stück entwickelt sich aus den Befindlichkeiten, Problemen und Gefühlen aller Beteiligten heraus: zuerst mittels Diskussionen, später auch in Szenenversuchen und Proben. In den Figuren, wie sie am Ende auf der Bühne zu erleben sind, mischen sich Realität und Fiktion; es gibt durchaus Ähnlichkeiten und Affinitäten zwischen Schauspieler und Figur, aber ebenso auch andere, fremde Charakterzüge und Äusserungen, die im Laufe der Dramatisierungsarbeit entstehen. «Alles ist ein Prozess», beschreibt Nataa Rajkovi diese Arbeitsweise, die erst kurz vor der Premiere eine fest strukturierte Szenen- und Dialog-Abfolge generiert.
Bobo Jeli und Nataa Rajkovi leben in Zagreb und bilden seit fünfzehn Jahren ein Regie- und Autorenteam. Ihre ersten gemeinsamen Produktionen basierten auf Theatertexten von Botho Strauss oder Jakob Arjouni, doch diese Art der Regiearbeit befriedigte sie nicht. Sie suchten nach einer Theaterform, die unmittelbarer auf reale Gegebenheiten reagieren könnte. 1996 erhielten sie die Gelegenheit, mit den Schauspielern des kroatischen Nationaltheaters in Varadin ein Regie-Experiment durchzuführen und ein Stück aus den Erlebnissen der Schauspieler heraus zu formen. Der Erfolg kam lange vor der Premiere: «Alle wollten mit uns arbeiten», erzählt Bobo Jeli. Das Konzept, ohne Stück-Konzept und Text eine Theaterproduktion zu entwickeln, überzeugte nicht nur in Kroatien. Seit bald sieben Jahren erhält das Regieduo Aufträge in ganz Europa; seine Inszenierungen waren bisher unter anderem an den Wiener Festwochen, am Laokoon-Festival in Hamburg oder am Kunsten-Festival in Brüssel zu sehen. Und Kanada bildete die erste Station auf einem anderen Kontinent.
Deutsche und Schweizer
«Theater ist ein lebendiger Organismus», sagt Nataa Rajkovi, und eine solche Intensität und Beweglichkeit strebt das Team mit seiner Methode an. Die wichtigste Konsequenz dieser Entscheidung besteht im Verzicht auf eine Textvorlage. «Wir arbeiten nur mit einem
In Zürich arbeiten Bobo Jeli und Nataa Rajkovi mit vier Schauspielern des Neumarkt-Ensembles und einer freien Zuzügerin. Im Zentrum des Stücks, wie es sich wenige Tage vor der Premiere in einem Probedurchlauf präsentiert hat, steht ein seit längerem verheiratetes Paar, in dessen Ehe sich eine Krise anbahnt. Die Deutsche Silke (Silke Geertz) reagiert mit Drohungen und Depressionen, während sich der Bündner René (René Schnoz) nach einem Wutausbruch zu seiner Mutter in die Berge flüchtet. Um dieses Paar herum bewegen sich eine Freundin der Frau und ein Mitarbeiter des Mannes (Silke Buchholz, Christoph Rath), dazu kommt die schweizerisch-kroatische Schauspielerin Ivana Martinovi, eine Seconda. An ihr, aber nicht nur an ihr, entzünden sich wiederholt Reflexionen der Figuren über Sich-daheim-Fühlen und Heimweh. Ein wiederkehrender Kristallisationspunkt sind dabei die deutsch-schweizerischen Beziehungen.
«Fast sicher», der Titel des Stücks, kann auf mehrere Momente dieser Inszenierung bezogen werden: auf die Flexibilität des Textes ebenso wie auf die Hybridität der Figuren und ihre Suche nach einem Ort, wo sie sich zu Hause fühlen könnten. Zudem wird sich das Stück bis zur Premiere noch weiter verändern: Das ist − fast sicher.
Zürich, Theater am Neumarkt, Premiere 12. Dezember. Weitere Aufführungen bis 31. Januar 2008.
gefunden bei:
http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/alles_ist_ein_prozess_1.597204.html
Kommentare zu diesem Artikel
Schreibe jetzt einen weiteren Kommentar!


Croatia Highlights
Krka Wasserfälle
Stories Archiv
Feedback

