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Wo die Staatsgrenze mitten durch ein Gasthaus führt

Montag 29 Oktober 2007 23:17:19

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Slowenien. Der Beitritt des Landes zum Schengen-Raum am 1. Jänner 2008 führt zu kuriosen Komplikationen. 

OBREZJE. Der Duft von Rehbraten zieht über die Staatsgrenze. Doch Freude über die vermeintliche Wirtshaus-Attraktion kommt bei der dunkelhaarigen Kellnerin des Traditionslokals „Kalin“ im slowenischen Obrezje keine auf. „Dort ist Kroatien“, sagt sie und deutet durch die Schiebetür in die Hinterstube, „hier Slowenien“. „Furchtbar“ sei der Tag gewesen, als nach der Unabhängigkeit der beiden Nachbarstaaten 1991 plötzlich eine Grenze den mehr als 150 Jahre alten Gasthof teilte: „Die vielen Patrouillen und Alkohol-Kontrollen im Grenzgebiet schrecken bis heute die Gäste ab: Wir verloren jede Menge Kunden.“ Auf die Frage, was sie nun von der Einführung der Schengen-Grenze erwarte, reagiert die Slowenin mit einem Schulterzucken: „Wozu das alles? Hier war doch nie eine Grenze.“

Link zur Quelle:

http://www.diepresse.com/home/politik/eu/340009/index.do?_vl_backlink=/home/politik/eu/index.do

Jahrhundertelang habe zwischen Slowenien und Kroatien keinerlei Grenze existiert, erklärt in der 150 Kilometer entfernten slowenischen Hauptstadt Laibach Innenminister Dragutin Mate den Missmut vieler Anwohner. Deren Schaffung nach der Unabhängigkeit sei für die Betroffenen sehr hart gewesen. Als hart empfindet der 43-Jährige auch die Tatsache, dass sich Slowenien zur stärkeren Integration in Europas Wohlstandsbündnis mit der Schaffung der neuen Schengen-Grenze noch stärker von den einstigen Mitbürgern in den Nachfolgestaaten des zerfallenen Jugoslawien abtrennen müsse. Befürchtungen, dass der grenzüberschreitende Alltag ab dem 1. Jänner komplizierter werde, hegt der Minister allerdings keine. Einige Brücken würden stärker kontrolliert werden, so Mate: „Aber praktisch wird sich wenig ändern.“

„Slowenien ist gerüstet“

55 Millionen Menschen passieren jährlich die 670 Kilometer lange Grenze, die Slowenien vom Nachbarn Kroatien trennt. Für den Schengenbeitritt investierte der EU-Musterknabe Slowenien insgesamt 300 Millionen Euro an Eigenmitteln, stockte die Stärke seiner Polizei in den vergangenen Jahren um ein Drittel auf. „Wir sind gerüstet“, versichert der Innenminister.

Besorgnis in Kroatien

Internationale Schlepperbanden wählen indes ohnehin meist andere Routen. Dass an die neue Schengengrenze der EU-Kandidat Kroatien grenze, mache deren Überwachung wesentlich leichter, meint Marko Gasperlin von der Generaldirektion der Grenzpolizei: „Unser Hinterland ist kein Potenzial für illegale Immigranten.“ Alljährlich geht die Zahl der aufgefassten Illegalen um ein Drittel zurück. In diesem Jahr wurden 1225 Grenzgänger ohne gültige Papiere abgewiesen, zumeist Kosovo-Albaner auf dem Weg zur Schwarzarbeit in Italien. Dass nun weniger Illegale aufgegriffen werden, schreibt Gasperlin auch der Arbeit der kroatischen, bosnischen und serbischen Kollegen zu: Die Polizei auf dem ganzen Balkan operiere nun effektiver.

Es sind indes weniger technische Fragen, die auf beiden Seiten der neuen Schengen-Grenze für Kopfzerbrechen sorgen. Jede Änderung der Einreise-Bestimmungen drohe in Kroatien die EU-Skepsis zu vergrößern, erklärt der Zagreber Analyst Davor Gjenero. Deshalb werde Sloweniens Schengen-Zukunft jenseits der Grenze mit Argwohn gesehen. „Die Vorbehalte sind jetzt schon groß – und eine Gefahr für Kroatiens EU-Beitritt.“

Seit Jahren liegen Laibach und Zagreb im Clinch wegen des genauen Verlaufs der Grenze. Aber zumindest in dem Bemühen, negative Auswirkungen des neuen Schengen-Regimes zu begrenzen, ziehen die streitbaren Partner der sensiblen Nachbarschafts-Ehe an einem Strang.

Dank einer von Brüssel eher widerwillig abgesegneten Ausnahmeregelung dürfen Kroaten wie bisher mit ihrem Personalausweis nach Slowenien und Ungarn reisen. Den Einreise-Vermerk bekommen sie unbürokratisch auf ein Formular gestempelt. Viele Kroaten pendelten zur Arbeit über die Grenze, erläutert Mate: „Müssten sie immer den Pass abstempeln lassen, müssten sie alle drei Monate einen neuen beantragen.“ Die neue Schengen-Grenze dürfte Kroatien ohnehin wesentlich weniger als die restlichen ex-jugoslawischen Staaten zu spüren bekommen.

Ein gewisses Unbehagen über die Abschottung nach Osten ist selbst in den sonst so EU-enthusiastischen Amtsstuben in Laibach zu verspüren. Das Land werde zwar „Mitglied im Schengen-Club“, doch sei dieser „ein eher lethargischer Verein“, sagt Andrej Ster. Der Staatssekretär im Außenministerium kündigt Vorstöße für eine Reform des Abkommens an.

„Überholter“ Schengen-Vertrag

Das in den 80er-Jahren entworfene Vertragswerk hält er für überholt: „Schengen wurde gegen den Osten konstruiert. Dabei liegen die Gefahren heute ganz woanders.“ So versuchten mittlerweile mehr illegale Einwanderer von Italien aus nach Slowenien zu gelangen als in die umgekehrte Richtung. „Diese Leute kommen nun aus dem Süden, nicht mehr aus dem Osten.“

„Grenze ist Katastrophe“

Wie frisch poliert blitzen die Zollhäuschen am Grenzübergang von Obrezje in der Morgensonne. Alles sei neu, sagt ein slowenischer Grenzbeamter und weist stolz auf das blitzsaubere Abfertigungs-Terminal für die LKW. Ein neues Zeitalter breche für ihn jedoch keinesfalls an: „Die Arbeit bleibt im Wesentlichen dieselbe.“

Wenig Veränderungen durch Schengen werden zwei Kilometer entfernt auch im geteilten Wirtshaus „Kalin“ erwartet. Als Slowenien im Sommer das Rauchverbot in Gaststätten einführte, hatten die Wirtsleute angenommen, dass die Gäste zumindest in der kroatischen Stube weiter dem blauen Dunst frönen könnten.

Doch die Hoffnung auf einen Vorteil durch die Grenzlage sollte sich bald zerschlagen. Weil der Eingang in Slowenien liege, müssten dort Steuern entrichtet und im ganzen Gasthaus slowenische Vorschriften befolgt werden, seufzt die Kellnerin: „Die Grenze ist und bleibt eine Katastrophe.“

Link zur Quelle:

http://www.diepresse.com/home/politik/eu/340009/index.do?_vl_backlink=/home/politik/eu/index.do


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